Weihnachten in Polen: traditionell verrückt

Montag, Dezember 24, 2018 Chamy 1 Comments

Ich weiß er ist da.
Das ist er jedes Jahr.
Einsam. Eingesperrt im Keller.
Schritt für Schritt, einen Fuß vor den anderen, gehe ich die Stufen hinab, um nach ihm zu schauen.
Im Badezimmer des Kellers entdecke ich ihn.
Er wirkt gelassen, zieht gemütlich seine Bahnen.
Denn er weiß nicht was ihn erwartet.

Meine Schwester, der Weihnachtsbaum und ich


All I want for Christmas is youuuhuuuhuuu! 

Quietschend überschlagen sich unsere Stimmen, während wir die Autobahn entlangrauschen.
Diese Fahrt ist für mich der einzig richtige Zeitpunkt im Jahr, um Weihnachtslieder zu hören.
Dank erfolgreicher Ignorier-Taktiken höre ich in der Adventszeit kaum Weihnachtslieder.
Bis zu diesem bezaubernden Moment.
Dann geben wir (meine Schwester, Mama und ich) uns die volle Dröhnung Wham und Mariah Carrey.
Der Lautstärkeregler wird ganz nach rechts gedreht, bis die Boxen übersteuern. Wir grölen mit was das Zeug hält.
Die Stimmbänder leiden.
Aber egal, denn jetzt kann Weihnachten kommen.
Es ist so weit, wir verbringen Weihnachten in Polen, bei unserer Familie.

Weihnachten in Polen: Driving home for Christmas

Kein Lied fasst unsere alljährliche Situation so schön in Worte wie „Driving home for Christmas“ von Chris Rea.
Seit wir Anfang der 90er nach Deutschland ausgewandert sind, folgt jedes Jahr das gleiche Spiel. Noch kein Weihnachten haben wir woanders verbracht, zu familiär und wichtig ist es uns.
Auch mein Onkel reist jedes Jahr aus Warschau und meine Tante aus Krakau zu meinen Großeltern.
Ich weiß noch wie ich als Kind immer wieder zum Fenster gegangen bin und ungeduldig auf die Straße blickte.
Nein, nicht nach dem Weihnachtsmann habe ich Ausschau gehalten. Auf das Auto meiner Tante, die mit Mann und Kindern kommen würde, habe ich gewartet.
Jetzt bin ich größer, die Vorfreude auf meine Lieben aber nicht kleiner.

Was schwimmt denn da?

Kaum angekommen im Haus meiner Großeltern, werfe ich einen Blick in den Keller.
In der Vorweihnachtszeit lebt dort ein kleiner Mitbewohner.
Jedes Jahr kauft mein Opa einen lebenden Karpfen für das Weihnachtsfest.
Er kommt in sein provisorisches Aquarium: eine Badewanne im Keller.
Das arme Kellerkind zieht dann gemütlich seine Bahnen bis es kurz vor Weihnachten vom Opa geschlachtet wird.
Ich besuche den neuen Kleinen jedes Jahr in seinem vorübergehenden Zuhause und beobachte, wie er die letzten Stunden vor sich hin blubbert.
Aber noch ist nicht Heiligabend, er lebt und die polnische Weihnachtsfeier will vorbereitet werden.

Je hässlicher, desto besser 

Bevor das Fest losgeht, wartet noch einiges an Arbeit.
Der Tannenbaum wird bei uns auf den letzten Drücker gekauft und geschmückt.
Was bei uns ins Haus kommt, kann man als Weihnachtsbaum kaum bezeichnen.
Stolz präsentiert mein Opa jedes Jahr dieses Etwas. Er hat „Es“ selbst beim Förster ausgesucht.
Ein magerer Baum mit wenigen Ästen und noch weniger Grün. Ich glaube er macht das mit Absicht.
Inzwischen ist es ja fast schon Tradition. Je hässlicher der Baum, desto besser.
Es ist so als hätte er Mitleid gehabt mit diesem abgemagerten Wesen und wollte ihm ein paar letzte schöne Tage gönnen.
Das Ding ist so kahl, dass wir jede Lücke zum Schmücken nutzen, um ihm ein letztes Stück Würde zu geben.
Wobei Würde nicht das richtige Wort ist, extremer Kitsch trifft es eher.

Ein Blick auf das magere Wesen

Wir haben einen Kaktus Weihnachtsbaum und der sticht, sticht, sticht 

Zugegeben, ein bisschen grün ist unser Kerlchen schon. Wo wir schon beim zweiten Problem wären.
Jahr um Jahr flehen wir meinen Opa an eine dichte aber weiche Nordmanntanne zu kaufen. Aber es hilft kein Flehen und kein Bitten.
Es wird jedes Mal eine stechende Fichte gekauft.
Bei uns reißt sich daher keiner ums Schmücken.
Bei jedem Aufhängversuch stehen zig Nadeln zum Angriff bereit.
Und sie piksen so, als hätte ihnen jemand den Auftrag erteilt unsere Hände zu durchlöchern.
Beste Waffe dagegen: nicht schmücken oder Handschuhen tragen.
Doch letztes Jahr geschah ein Weihnachtswunder! Mein Opa kaufte eine Tanne!
Ich hätte sie knuddeln und knutschen können, so weich war sie.

Achtung Magen vordehnen: 12 Gerichte warten

Neben dem Tannenbaum muss das Essen vorbereitet werden. Es gibt so einiges.
12 Gerichte werden an Weihnachten in Polen serviert. Die Zahl steht für die 12 Apostel.
Es heißt von jedem Gericht muss gekostet werden, dann mangelt es an nichts das nächste Jahr.
Damit wir nicht alle zwischen den Mahlzeiten brechen müssen wie die Römer, um noch ein Gericht runterzubekommen, zählen auch die Beilagen als volles Gericht.

Traditionelles Essen an Weihnachten in Polen

Es gibt viele traditionelle Gerichte an Weihnachten in Polen. Hier kommen die beliebtesten.

Der weihnachtlich gedeckte Tisch. Im Hintergrund die neue, weiche Tanne 😊

Barszcz Czerwony
Kaum ein Weihnachten in Polen, das nicht mit einem „barszcz czerwony z uszkami“ beginnt.
Unaussprechliches waaas? Ganz einfach: Borschtsch mit Öhrchen.
Ok, Schluss mit den Hieroglyphen.
Barszcz (gesprochen Barschtsch) ist eine klare rote Beete Suppe mit kleinen mit Sauerkraut und Pilzen gefüllten Teigtäschchen = uszka. Ähnlich den Tortellini oder eben Öhrchen.

Pierogi
Pierogi (gefüllte Teigtaschen) fehlen auf keinem polnischen Tisch. An Heiligabend vegetarisch z.B. mit Kraut und Pilzen.
Es gibt sie aber in zahlreichen Variationen: mit Fleisch, mit süßem Topfen, mit Lachs, auf „russische Art“, was dein Pierogi-Herz eben höherschlagen lässt.

Karpfen
Die Gerichte an Heiligabend sind in Polen fleischlos.
Fleischlos heißt aber nicht fischlos.
Wo wir wieder bei unserem Kellerkind wären.
Das kommt aus der Wanne auf den Teller.
Karpfen ist eines der traditionellen Gerichte, die an Weihnachten in Polen verspeist werden.
Meistens wird er gebraten gegessen. Früher haben meine Großeltern ihn auch in Gelee serviert.

Mein rechter, rechter Platz ist leer

Der weihnachtliche Tisch wird in Polen für eine Person mehr gedeckt.
Der freie Platz ist dazu da, um spontane Weihnachtsgäste am Tisch aufnehmen zu können.
Aber auch zum Gedenken an die Verwandtschaft und Verstorbene mit denen wir nicht feiern können.
Seitdem wir 14 Personen an Weihnachten sind, wird es – bereits ohne Extrateller - eng.
Das Sondergedeck kommt bei uns jetzt symbolisch auf den Couchtisch.

Warten auf den ersten Stern am Himmel

Alles ist fertig, der Tisch ist gedeckt. Jetzt warten wir auf den ersten Stern.
Laut Tradition zu Weihnachten in Polen, wartet man auf den ersten Stern am Himmel, bevor die Familie sich zum gemeinsamen Abendessen setzt. Als Erinnerung an den Stern von Bethlehem.
Wir haben das ein bisschen abgewandelt und gesagt, die Geschenke gibt es erst, wenn der erste Stern am Himmel erscheint.
Was machen wir, wenn es bewölkt ist? Trotzdem schenken!

Diese Weihnachtskugel ist schon über 50 Jahre alt.

Bling Bling

Der Liedschatten glitzert, die Locken sitzen, während wir mit unseren Pumps den Parkettboden auf dem Weg zum Wohnzimmer zerkratzen.
Nein es ist keine Gala, lediglich unser bescheidenes Weihnachtsfest, für das wir uns so aufgebrezelt haben.
Das ist unsere Art dieses Fest zu ehren. Warum sollen wir uns für andere schick machen aber nicht für uns selbst?

Der emotionalste Moment

Vorher noch in Hausarbeitsmontur, jetzt ganz schick, die Männer im Anzug, sitzen wir nach all dem Vorbereiten am Tisch.
Es wird aus der Bibel vorgelesen und danach teilt mein Opa eine Oblate in kleine Stücke.
Die Oblate (Opłatek) steht als Symbol für Vergebung/Versöhnung und ist ein Zeichen von Freundschaft und Liebe.
Das ist eine der schönsten Traditionen an Weihnachten in Polen.
Jeder aus der Familie geht zu jedem, teilt mit ihm ein Stück Oblate und wünscht sich gegenseitig Gutes.
Da wir über 10 Personen sind, dauert es ein bisschen…
Dann darf endlich die wohl verdiente Völlerei beginnen.
Wir essen ein Gericht nach dem anderen. Ganz gemütlich. Dazwischen werden Weihnachtslieder gesunden, dann wieder gegessen, wieder gesungen und irgendwann auch die Geschenke verteilt.

Ein selbstgemachtes Lebkuchenhäusschen


Kurz vorm Platzen, jetzt noch Makiełki

Die Knöpfe der Hemden springen auf, die Strumpfhose schneidet in meine Haut, aber es wartet noch ein allerletztes traditionelles Gericht, das an Weihnachten in Polen niemals fehlen darf: Makiełki (regional auch Makówki)
Makiełki sind köstliche Mohnnudeln mit Nüssen und Rosinen. Ok, pah, die letzteren aufgequollenen Dörrtrauben sind eklig und werden rausgepopelt. Was haben die neben dem leckeren Mohn nur verloren?
In anderen Regionen Polens isst man auch Kutia statt Makiełki zum Nachtisch. Auch mit Mohn, aber anders.
Da wären wir nun alle, so rund wie ein Kugelfisch nach dem Angriff. Sowieso schon zum Platzen voll. Aber die müssen noch runter.
Warum?
1. Weil jedes Gericht probiert werden muss. 2. Weil die Tradition besagt, dass derjenige, der viele Makiełki isst, im nächsten Jahr auch viel Geld haben wird.
Wer will da nicht noch ordentlich zuschlagen beim letzten Gang?

Der Krippen Wettbewerb 

Ich frage mich jetzt noch, wie ich es doch jedes Jahr aufs Neue schaffe nach dem Essen aufzustehen.
Aber irgendwie klappt es, denn um Mitternacht geht es zur Mitternachtsmesse, bei der wir die schöne Krippe in der Kirche bewundern.
Das ist an Weihnachten in Polen fast schon Kult. Man könnte meinen jede Kirche versucht die anderen mit ihrer Krippe zu überbieten.
Die Kirche bei meinem Opa hat sogar in einem Jahr aus dem ganzen Altarraum eine Krippe gemacht. Die Priester saßen mittendrin zwischen echten Schafen und Eseln.
Ich fand das cool.
Es ist fast schon ein zusätzliches Kulturangebot in der polnischen Adventszeit. Statt in ein Museum geht man von Kirche zu Kirche und schaut sich die verschiedenen Krippen an.
Wir bewundern sie aber erst an Weihnachten.

Unser Weihnachten

Nach der Messe geht es zurück.
Wir lachen, wir spielen, wir singen und tanzen bis es schon spät ist.
An Weihnachten sind die Traditionen in Polen zwar nicht ganz so crazy wie am österlichen śmigus-Dyngus, aber meine Familie ist es, die das ganze Fest irgendwie verrückt macht.
Aber das ist eine andere Geschichte…
Um ca. 4 Uhr morgens ruft das Bett und ein weiterer Feiertag steht vor der Tür.
Frohe Weihnachten euch allen!

P.S.: Nach Weihnachten Lust auf ein verrücktes Neujahr? Dann solltest du dir mal Songkran anschauen. Das thailändische Neujahr findet zwar erst im April statt, ist aber einen Besuch wert. Schau vorbei!

Über die Autorin 

Hey, ich bin Anna. Mein Mann Chris und ich haben 2017 geheiratet, Jobs gekündigt, unsere Wohnung aufgelöst und sind auf Weltreise gegangen. Wir sind zurück, aber versorgen dich auf unserem Blog auf Meer mit Infos zur Weltreiseplanung, zum House Sitting und mit wertvollen Infos & Tipps für dich zu all unseren Reisezielen. Wir hoffen dir hat dieser Beitrag gefallen. Liebe Grüße Anna & Chris

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